Selbstversuch im Rollstuhl

Henning Schoch

14. Januar 2015

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Henning Schoch studiert Angewandte Gesundheitswissenschaften an der HFU. Mit Kommilitonen arbeitet er an dem Projekt „BarrFuS“ und testete 24 Stunden lang im Rollstuhl die Barrierefreiheit in Furtwangen. Die Ergebnisse möchten die Studierenden dem Bürgermeister von Furtwangen präsentieren um eine Verbesserung der Infrastruktur für Menschen mit Handicap zu erreichen. Wie Henning sich während des Selbstversuchs gefühlt hat, beschreibt er selbst:

Selbstversuch im RollstuhlHenning Schoch bei seinem Selbstversuch im Rollstuhl

In einigen unserer Vorlesungen bei Angewandte Gesundheitswissenschaften heißt es, das Verstehen der Zielgruppe sei von zentraler Bedeutung, wenn man Gesundheitsförderung betreiben will. Meine Studienprojektgruppe untersucht die Barrierefreiheit in Furtwangen. Und so dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn, dass ich die realistischsten Erfahrungen mache, wenn ich einen Selbstversuch starte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht den blassesten Schimmer, worauf ich mich da einlasse. Ich wusste noch nicht, dass es einer meiner herausforderndsten Tage sein würde, seitdem ich zum Studium nach Furtwangen gekommen war.

Einen Hinweis darauf, dass mein Selbstversuch nicht einfach sein würde, erhalte ich gleich nach dem Aufstehen, denn es hat über Nacht geschneit. Das hatte ich mir zwar insgeheim gewünscht, aber jetzt, da es soweit ist, bin ich mir da nicht mehr so sicher, dass ich das wirklich will. Ein letztes Mal zu Fuß zum O-Bau laufen, dann bin ich an einen Rollstuhl gefesselt, für ganze 24 Stunden. Ich freue mich auf das Experiment, auch wenn ich so langsam kapiere, dass es nicht einfach wird. Schnell noch die GoPro am Fahrradhelm montiert und schon kann es losgehen.

Ich fühl mich wie damals als ich Radfahren gelernt hab. Jeder versucht einem einen guten Rat zu erteilen und ich, inzwischen nicht mehr auf Augenhöhe mit den Leuten um mich, denke nur: „Ich versuch alles zu beachten, was ihr sagt.“ Aber so ganz wohl bei der Sache ist mir ehrlich gesagt nicht. Denn eigentlich hasse ich es vor der Kamera zu stehen und gefilmt zu werden. Ich mag es ja noch nicht einmal, wenn man Bilder von mir macht. Ich versuche die Aufregung darüber zu vergessen und mich stattdessen darauf zu konzentrieren, dass ich im Rollstuhl sitze.

Es ist mir an diesem Tag in jeder Minute bewusst, dass ich nicht gehen kann. Schon nach einigen Stunden spüre ich meine Füße nicht mehr. Die Idee meine Beine mit Tape zusammenzubinden war rückblickend keine besonders gute. Ich entscheide mich bewusst für das volle Programm. Ich benutze die Behindertentoilette und simuliere dabei, dass ich mich nicht auf den Beinen halten kann und nehme Hilfe wirklich nur in Anspruch, wenn ich absolut nicht weiterkomme.

In Furtwangen ist die Fortbewegung mit einem Rollstuhl alles andere als einfach. Überall ist Kopfsteinpflaster, Treppen sind vor beinahe jedem Geschäft, und die Berge machen es einem nur noch schwerer. Irgendwann will ich einfach nur noch, dass der Tag endet. Ich will mich ins Bett legen und meinen beanspruchten Körper regenerieren. Und vielleicht noch was essen, dann bin ich glücklich.

Es gibt da aber vorher noch ein winziges Problem. Ich kann meine Wohnung aus eigener Kraft nicht erreichen. Sie liegt am Ende einer steilen Straße. Ich reg mich gar nicht darüber auf, sondern beschließe einfach bei einer guten Freundin unterzukommen. Sie wohnt halbwegs ebenerdig, und so muss ich mich lediglich die paar Treppen vor dem Eingang hochkämpfen. Doch das ist mir egal. Ich bin gedanklich schon am nächsten Tag und freu mich darauf wieder laufen zu können. Ich hätte nie gedacht, dass ich dafür einmal so dankbar sein würde. Schließlich ist es für (fast) jeden Menschen normal, dass er gehen kann!